Was ist Twitteratur?
Die Welt ist im Twitterfieber, sagt der Stern. Und nicht nur der amerikanische Präsident zwitschert. Laut Bild sind es neben Politikern und Prominenten und dem Nachbarn nebenan jetzt auch Shakespeare und Goethe. Twitteratur (eng. Twiction) heißt der Trend im Trend. Kurz gesagt, Literatur in 140 Zeichen [Quelle].
Und genauso neu wie die Wortschöpfung aus Twitter und Literatur, genauso viele Nuancen findet man bei der Suche nach einer Definition: „Literarische Texte, die über das Microblogging-System Twitter gepostet werden.“ [Quelle] ist eine davon. „Eine auf 140 Zeichen begrenzte Form des Geschichten Erzählens“ [Quelle] eine andere.
Letztere beinhaltet die Bezeichnung Geschichte, und charakterisiert somit konkreter das Vorhandensein von „Figur, Konflikt und Lösung“ bzw. „der Veränderung der Hauptfigur im Laufe der Handlung.“ Laut Twitkrit wiederum, einer Runde aus Tweet Kritikern die als eben solche literarische Tweets besprechen, sollte des Weiteren auch dem Echtheitsaspekt und der Publikumserreichbarkeit von Twitter Rechnung getragen werden: „Twitter verwandelt Text in Performance! Gute Twitteratur ist somit immer auch Schauspiel und spielt mit der Präsenz seiner Zuhörer.“ [Quelle].
Der Reiz der Kurztexte liegt dabei zum einen in der ästhetischen Herausforderung der Begrenzung auf 140 Zeichen, zum anderen in der Art und Weise der Veröffentlichung über Twitter, wo sich schnell eine Anzahl von Lesern erreichen lässt, und dass darüber hinaus mobil.
Interessant sind auch die verschiedenen Formen von Twitteratur. Da gibt es die Mikro – Gedichte, wie sie zum Beispiel auf der Web-Seite zu dem von literaturcafe.de und BoD ausgeschriebenen Twitter-Gedichtswettbewerb zu finden sind. Nicht weniger spannend ist der Versuch der Twitter – Adaption von Shakespeares Theaterstück „Der Widerspenstigen Zähmung“, bei der jede auftretende Figur einen eigenen Twitter-Account erhalten hat und eine Szene pro Tag getwittert wurde – natürlich in verkürzten 140 Zeichen Dialogen [Quelle].
Unter http://www.twitterlesung.de werden Twitterlesungen veranstaltet. Und sogar das 93. Kapitel des ersten Twitter Fortsetzungsromans existiert bereits [Quelle]. Für dessen Autor Ankowitsch liegt die besondere Herausforderung der Twitteratur ebenfalls in der Handlungsentwicklung auf so begrenztem Platz, wie dies auch bei Haikus (einer japanischen Gedichtsform die mit 17 Silben die kürzeste Gedichtsform der Welt ist) und Aphorismen (kurzer rhetorischer Sinnspruch) der Fall ist [Quelle].
Und auch diese Liste von Very Short Stories , auf die ich zufällig bei der Recherche gestoßen bin, sind Twitterunabhängig. Das Interesse an sehr kurzen literarischen Texten bestand somit schon vor Twitter. Twitteratur mag sich als Begrifflichkeit noch nicht durchgesetzt haben. Richtig ist aber, das dass Medium hier eine genauso große Rolle spielt, wie die Art der (kurzen) Texte selber.
Ein Interview über Twitter und Literatur findet sich unter anderem hier.
Tags: Literatur, Micro-Blogging, Twiction, Twitter, Twitteratur
