Tweet Tweet! Nicole Simon über Twitter, Medienhype und das Kollektiv
Twitter ist in aller Munde. Die Medienberichterstattung ist immens und so hat man das Gefühl, dass jeder twittert. Vom Müllmann über Politiker bis hin zu Stars und Sternchen. Sogar Profi-Radsportler. Dank Twitter hat Lance Armstrong sein gestohlenes Fahrrad wieder (Quelle: Bild) und auch die Ereignisse auf dem Mobile World Congress in Barcelona konnten dank Twitter en detail verfolgt werden (s. Mittendrin und nicht dabei – Der Mobile World Congress für daheim gebliebene). Zeit für uns also, auch mal zu twittern. Und die zu fragen, die sich damit auskennen. Nicole Simon zum Beispiel, Social Media Expertin und Twitter-Enthusiastin aus Lübeck. In ihrem Buch „Twitter – Mit 140 Zeichen ins Web 2.0“ erklärt sie der Welt Twitter. Und heute erklärt sie es uns…
Twitter schlägt ja momentan recht hohe Wellen. Nachrichten tauchen schneller auf Twitter auf, als in der normalen Presse, und sogar Barack Obama twittert. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Ein Freund von mir beschreibt das als „mediale Aufmerksamkeitskarawane“. Es gibt einen klassischen Hype-Cycle, der sich alle zwei Jahre wiederholt. Vor zwei Jahren war es Second Life, jetzt ist es Twitter. Einer der Gründe, warum Second Life nicht funktioniert hat, war, dass es Vielen zu kompliziert war. Twitter ist einfach genug, dass die Leute ohne viel Aufwand dabei bleiben können. Und es treffen sich hier zwei Welten wieder, die Early Adopter und die ganz normalen Leute. Also ist der Hype auch durchaus gerechtfertigt.
Frau Simon, für alle, die es noch nicht wissen, was ist Twitter und wie funktioniert’s?
Im Grunde genommen hat man 140 Zeichen Platz, um seinen Freunden zu erzählen, was man gerade tut. Zum Beispiel in den Bus steigen oder Café trinken. Die, die schon länger auf Twitter sind, nutzen es, um Informationen weiterzugeben und Fragen zu stellen. Man weiß dadurch, womit sich der Andere beschäftigt oder welche Blogartikel er gerade liest. Die New York Times hat dafür einen Begriff gefunden: „Ambient Awareness“. Das bedeutet, das Prinzip der Kaffeeküche auf eine andere Stufe zu heben. Vor allem diejenigen, die Zuhause arbeiten, vermissen oft eine kollegiale Umgebung, und genau dieses Gefühl schafft Twitter. Man nutzt es teilweise als Chat oder um auf Veranstaltungen Zitate mitzuschreiben. „To tweet“ heißt übersetzt zwitschern, und es gibt den Trend, viele Worte mit Tweet oder Twitter zu verbinden und neue Begriffe daraus zu machen, wie beim „Retweet“, die Antwort die man auf seinen Twitter Post bekommt.
Wie ist es mit dem Handy, wie funktioniert Twitter da?
Man registriert sich mit seiner Handynummer und kann seine Statusnachricht an eine SMS Adresse schicken. Diese Nachricht taucht dann in seinem Twitter Feed auf. Früher konnte man die Statusnachrichten seiner Freunde auch als SMS bekommen, das funktioniert momentan allerdings nur in Indien, den USA und Kanada. Eigentlich schade, denn diese SMS Anbindung ist das, was Twitter so sexy macht. Für die Meisten ist SMS zu teuer, die haben sich extra einen Datentarif angeschafft und posten Nachrichten lieber über die Mobile Site von Twitter oder irgendwelche Clients. Wie man mit dem Handy twittert, können Sie in meinem Blog “Mit 140 Zeichen” nachlesen.
Wozu braucht man Twitter und was bringt mir das?
Es gibt drei Unterscheidungen: Wie nutze ich Twitter, wie nutzen es Firmen und wie normale Menschen. In meiner Welt findet sämtliche Kommunikation über Twitter statt. Ich kann mit mehr oder minder gutem Erfolg eine Frage an meine Follower stellen und Fragen von mehr oder weniger bekannten Leuten dadurch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, indem ich sie retweete. Wenn meine Followers das dann auch noch wiederholen, hat man da plötzlich Effekte dahinter. Die Frage, ob man das braucht oder nicht, kenne ich noch aus der Anfangszeit des Internets. Natürlich könnte ich auch ohne Computer oder Handy leben, aber wieso sollte ich. Internet ist Standard und jederzeit verbunden zu sein, macht mein Leben einfacher. Aber das liegt eben daran, dass es in meiner Welt relevant ist. Für jemanden, der strickt, könnte es auch relevant sein, sich durch Twitter von Anderen helfen zu lassen, was aber nicht heißt, dass es für mich relevant ist. Diese Frage kann nur jeder persönlich für sich beantworten. Man sollte sich das einfach ansehen und es lassen, wenn es einem nicht gefällt. Viele kommen mit der Masse an Informationen auch nicht zurecht, aber man kann ja auch nur drei Leuten folgen, statt 50.
Wieviele Twitter-Nutzer gibt es eigentlich in Deutschland?
Es gibt definitiv mehrere 10 000 aktive Nutzer, es kann aber sein, dass da sehr viele Nutzer dabei sind, die zwar angemeldet sind, Twitter aber nicht nutzen. Jetzt, wo sich auch viele Politiker auf Twitter tummeln, und durch die Medienberichterstattung bekommt Twitter natürlich mehr Aufmerksamkeit. Die Tendenz ist also steigend, vor allem im kleinteiligen Bereich, bei Leuten die nur 5 oder 10 Nutzern folgen.
In einem Interview haben Sie gesagt, dass Menschen sich unmittelbar mitteilen wollen und Twitter dieses Bedürfnis auf ganz einfache Weise erfüllt. Aber wen interessiert es, was ich gerade zu Mittag esse? Stillt Twitter nicht eher den Drang zur Selbstinszenierung? Oder sehen Sie es als reines Businesstool?
Ich glaube, es geht weniger darum, dass sich die Leute mitteilen wollen, es geht mehr darum, andere Leute zu erleben. Es besteht ein Grundbedürfnis nach menschlicher Verbindung, man will das Gefühl haben, dass Leute um einen herum sind. Und scheinbar banale Dinge können für Andere eine wertvolle Information sein. Man nutzt Twitter im Grunde genauso, wie man seinen PC oder sein Handy benutzt. Manchmal ist es ein Businesstool, manchmal privater Zeitvertreib. Es kommt darauf an, was man daraus macht und wie man sich nach außen hin präsentieren will. Viele sind aus privater Neugier unterwegs und machen im Job vielleicht was ganz anderes, während es für Social Media Leute Alltag ist. Bestes Beispiel ist, dass ich darüber getwittert habe, dass mir meine Hand weh getan hat. Daraufhin habe ich viele Genesungswünsche bekommen, was in dem Moment ein tröstendes Gefühl war. Außerdem hatte ich einen Arzt unter meinen Followers, der nachgefragt hat, was es eigentlich ist und der dafür gesorgt hat, dass ich das Ganze ernster nehme.
Glauben Sie, dass Twitter die zwischenmenschliche Kommunikation auf Dauer verändern wird?
Es hat sie eindeutig schon verändert. Die Begrenzung auf 140 Zeichen macht sich dadurch bemerkbar, dass man sich in Emails möglichst kurz hält obwohl man genügend Platz hat oder dass Leute in Twitterart miteinander reden. Das @username, das aus der Chatwelt kommt, ist zum Beispiel unisono mit Twitter. Viele erleben das erste Mal, was es bedeutet, in einem Kollektiv zu sein. Dass man mit der Welt und vielen Leuten verbunden ist und auch bleiben kann. Das Besondere an Twitter ist, dass es nicht nur am Rechner, sondern auch mobil nutzbar ist. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man auf der Strasse steht und was Witziges sieht, das twittert und eine Antwort darauf bekommt. Man trifft sich sogar im echten Leben auf den Tweet-Ups, weil man die Menschen auch im echten Leben sehen und mit ihnen reden will. Durch die Kommunikation im Netz lernt man sehr gut die Person hinter dem Gesicht kennen, also das Innere. Wenn man sich dann auf einer Veranstaltung trifft, hat man gleich einen Anknüpfungspunkt. Dadurch kommuniziert man ganz anders miteinander. Nach dem Motto: „Heim ins Kollektiv“. Warum sollte ich auf eine Party gehen, wo ich erst mühsam jeden Einzelnen kennen lernen muss, lieber gehe ich auf so eine Veranstaltung und weiß, dass ich die Leute „kenne“.
Wie haben Sie Twitter entdeckt und was hat Sie persönlich daran fasziniert?
Ich bewege mich in einem klassischen Early Adopter Umfeld, da hat man Twitter bereits Mitte 2006 entdeckt. Als dann plötzlich mein Umfeld bei Twitter war, war es mehr oder weniger „Peer Pressure“. Ich kenne aber alte Chatwelten und sehe viele Dinge, die mir klar machen, dass es eigentlich nur eine Kombination ist aus vielen bekannten und erlernten Sachen. Was mich daran fasziniert hat, ist, dass es über einen eins-zu-eins Kontakt hinausgeht, anders als beim Instant Messaging. Bei Twitter macht man das, was man auch in seiner Stammkneipe macht. Sie kommen rein, setzen sich hin, schauen wer da ist und sagen „Das war ein scheiß Tag heute“ oder „Das war ein guter Tag heute“. Irgendjemand wird ihnen darauf eine Antwort geben. Sie können sich da mit hineinziehen lassen und das ist das faszinierende an Twitter. Ich kann mit meinen Freunden und deren Followers sprechen, Leuten antworten, denen ich nicht folge und über die Suchmaschine nach Themen suchen, die mich interessieren oder die wir gemeinsam haben. Man kann sehen, was andere Leute so schreiben, quer über den Kontinent verteilt, und antwortet quasi einem Fremden. Daraus kann sich sehr schnell eine oberflächliche Beziehung ergeben.
Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am kommenden Dienstag…
Tags: Nicole Simon, Social Media, Twitter, Twitter Mobile
